Skulptur und Architektur aus Stein Victor Gingembre designer

Skulptur und Architektur aus Stein: Interview mit Victor Gingembre

Eine Leidenschaft, die Arbeit, Forschung und tiefste Kenntnis von Materie und Technik verbindet, ist der berufliche Weg von Victor Gingembre, junger Bildhauer, Architekt und Designer aus Paris.
Schon in frühester Jugend ist er von Kunst beeindruckt und beginnt mit 6 Jahren mit der Bildhauerei. Seitdem tastet er sich nach und nach an die verschiedenen Techniken, Formen und Materialien heran. Dieser Werdegang bringt ihn zum Architekturstudium, das er in Florenz abschließt. Anschließend spezialisiert er sich mit einem Masterstudium im Bereich zeitgenössischer Planung mit Stein im Politecnico in Mailand. Die Forschung, bei der sich Handarbeit und Technik mit klassischen Themen wie Raum, Figur, Licht und Schatten, sowie mit modernen Aufgabenbereichen aus der Fertigungs- und Digitalverfahren vereinen.
Das Interview:
Skulptur und Architektur aus Stein Victor Gingembre designer

Wo kommst du her und wo wohnst du? Woher kommt dein Interesse für die Skulptur und vor allem für die aus Stein?
Ich komme aus Paris und lebe dort derzeit, aber ich bin für mein Studium und meine Arbeit viel unterwegs gewesen. Schon als Kind habe ich ein Interesse für Kunst entwickelt. Von dem apulischen Bildhauer Maurizio Toffoletti, der mit Marmor arbeitet und das Verhältnis Licht und Klang studiert, habe ich gelernt. Er gab mir Bücher über Rodin und Michelangelo. Ich habe abwechselnd Skulpturen aus Ton und aus Stein gefertigt. Dann begann ich die Werkstätten von Hans Marks zu besuchen, damals war ich 8 Jahre alt. Meine Leidenschaft für die Skulptur wurde durch Besuche mit meiner Großmutter im Louvre weiter genährt.
designer victor gingembre stein marmor

Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre Projekte? Haben Sie besondere Bezüge?
Sicher inspiriert mich die Skulptur der Antike. Ich denke dabei an Praxiteles, Phidias, Polyklet, aber auch die Werke der Meister der Renaissance wie Donatello, Michelangelo, Cellini, die ich 2009, als ich in Florenz wohnte, bewundern konnte. Damals bin ich vollkommen in die Atmosphäre und in die Welt der Renaissance abgetaucht.
Zu meiner Leidenschaft für die Kunst kam das Interesse für Design und neue Technologien hinzu. Daher habe ich beschlossen, Architektur zu studieren, um große Bauwerke planen zu können, bei denen ich mehr Technik und Aufmerksamkeit auf die Konstruktion einfließen lassen und am Raum, an der Masse und am Volumen arbeiten wollte. Die Skulptur wurde folglich immer mehr zu einem Spiel zwischen leeren und vollen Räumen und auch immer abstrakter. Für mich besteht der Unterschied zwischen Skulptur und Architektur gerade darin, im Übergang von der Abbildung zur Abstraktion.
 Skulptur in Marmor weibliche Figur des Designers Victor Gingembre

Gibt es ein Werk oder ein Projekt, das du besonders schätzt? Und wenn, warum?
“Le reve de Aphrodite” (siehe Foto oben) ist eine Skulptur mit der charakteristischen Spiralbewegung. Das ist der Ursprung für ein neues Formkonzept gewesen, das ich zu entwickeln begonnen habe.
Für mich wird ein Körper zur Architektur, zu einer riesigen Konstruktion, in die man eintreten und die man erforschen kann, ganz wie ein weiblicher Körper voller weicher Kurven, die das Licht begleiten. In der Architektur gibt es diese Idee der Entwicklung, und ich wollte dieses Konzept auch in die Skulptur aufnehmen, nicht nur als Evolution der Körperbewegung, sondern als haptische und sinnliche Entwicklung.
Gibt es einen Naturstein, den du in deinen Arbeiten bevorzugt einsetzt?
Ja, Marmor von Carrara. Auch wenn jeder Stein eine ganz eigene Ausstrahlung und Kraft hat. Ich liebe die Schwere und das Gewicht von Stein. Er hat im Vergleich etwa zu Harz eine viel stärkere materielle Präsenz. Außerdem nimmt bei Stein die Struktur durch die Bearbeitung eine wichtige Rolle ein, man denke nur an die Sklaven von Michelangelo, bei denen sich die bearbeitete Figur aus den grob behauenen Marmorblöcken schält.
 in Marmor sitzt mit geschwungenen Linien des Designers Victor GingembreDu hast ein Architekturstudium mit dem Hauptthema Entwurfsplanung mit Stein abgeschlossen – wie wichtig ist deine Kenntnis des Materials bei der Umsetzung von Arbeiten?
Es ist maßgeblich. Daher ist es ein Problem, dass das Wissen um den Baustoff Stein heute immer geringer wird. Stein ist kein Standardmaterial wie Beton, Stein besitzt die Seele dessen, der ihn bearbeitet und des Ortes, an dem er abgebaut wird.
marmor skulptur designer victor gingembreWie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?
Im Moment arbeite ich an einigen Marmormodulen, die ich Moleküle nenne und die sich bei immer neuen Bewegungen und Anordnungen ineinander verzahnen. Es sind Teile, die ich mittels Diamantdraht oder Water-Jet herausschneide. Sie erinnern an Puzzleteile, die für Böden, Wände verwendet werden können oder zu abstrakten Skulpturen werden.
Hast du bestimmte Projekte oder Themen, mit denen du dich auseinandersetzen möchtest?
Mich interessiert eine wechselseitige Beziehung zwischen digital und Material; es gibt eine Grenze zwischen Handwerk und digitaler Technik, die ich gerne durchbrechen würde, um Verknüpfungspunkte zwischen den beiden Welten herzustellen. Die neuen Technologien ermöglichen eine breite Palette von Bearbeitungsarten, die sich aber immer auf das Wissen um das Material stützen. Die digitale Technik gewährt außerdem ein großes Maß an Freiheit in Bezug auf die Entwurfsmöglichkeiten. Bei diesen Arbeiten bin ich von einer runden Form ausgegangen, die in zwei, drei und mehr Teile getrennt wird und immer neue Formen entstehen lässt. Dieser Prozess der „Morphogenese“ bietet eine Vielzahl an Kombinationsmöglichkeiten, in meinem Fall sind es über 20.000.
Heute gibt es so viele Inputs, die die reine Ästhetik von ihrer vorherrschenden Stellung verdrängt hat. Alles ist möglich. Allerdings gibt es in meiner Entwicklung einen roten Faden, der mich von der Praxis über das Studium bis zu meiner Arbeit heute stets begleitet hat.

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