Calcarea: Interview mit Francesca Gattello

Auf der Suche nach neuen Inspirationen für unsere Beiträge und sind dabei auf das interessante Projekt Calcarea der Designerin Francesca Gattello gestoßen. Es handelt sich um eine originelle Idee eines einzigartigen Materials: Marmormehl.
Aus diesen Rückständen, die während der Bearbeitung, von der Gewinnung im Steinbruch bis zum Endschliff anfallen, hat die Designerin eine Kollektion von Artikeln für den Haushalt geschaffen. Vasen, kleine Gefäße, Schüsseln und alles Unikate, in denen das Abfallprodukt zu neuem Leben erweckt wird.
Wir haben mit der Designerin ein Interview geführt, um mehr über sie, ihre Ideen und Projekte zu erfahren.
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Wo sind Sie geboren und wo wohnen Sie heute?
Momentan wohne ich in Verona, dort bin ich geboren, aber ich bin oft in Holland und Frankreich, um Projekte mit anderen Designern zu entwickeln. Ich habe viele Jahre in Mailand gelebt, wo ich am Politecnico Design studiert habe und konnte mich dort in einer kulturell reichen und lebendigen Umgebung entwickeln.
Erzähle uns von deinem Werdegang als Designerin.
Als Studentin hatte ich das Glück, ein Praktikum im Büro von Andrea Branzi zu machen, der für mich ein wichtiger Bezugspunkt ist. Außerdem nahm ich an Workshops teil, die vom Formafantasma Studio, Chris Kabel und Matteo Ragni durchgeführt wurden und habe meine Diplomarbeit in Zusammenarbeit mit dem Studio Sovvrapensiero entwickelt. 2014 wird Guga, ein gemeinsames Projekt für Produktdesign mit Marianna Guernieri begonnen. Dieses Jahr habe ich Marginal mit Zeno Franchini gegründet, ein Atelier, in dem Forschung, praktische Umsetzung und fachübergreifende Zusammenarbeit mit anderen Berufssparten wie Forscher, Wissenschaftler, Handwerker, usw. stattfindet. Das Ziel unserer Arbeit ist es, die Grenzen des Designs zu erforschen, und zwar über Forschung, über die Analyse von Objektproduktion mit ihrer Folgen auf globaler Ebene. Unsere Kommunikationsmittel für die Präsentation der Ergebnisse unserer spekulativen Arbeit sind Prototypen, Installationen, Texte und visuelles Material wie Fotoreportagen oder kurze Dokumentarfilme.
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Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre Projekte?
Ansatzpunkte, auf deren Basis ich neue Projekte entwickle, geben mir Reisen, auf denen ich die verschiedensten Realitäten kennenlerne und indem ich mich mit Ideen und Ansichten von anderen auseinandersetze. Die Inspiration kommt auch völlig losgelöst von Ereignissen und sind oft nur Gefühle oder Bilder vor meinem geistigen Auge, denen ich nach und nach zu einer Gestalt verhelfe. Auch Lesen, Zeichnen und auch Musik sind in kreativen Momenten wesentlich. Für mich setzt sich Inspiration aus so vielen Momenten und Zufälligkeiten zusammen, dass es schwierig ist, sie als organischen Prozess zu beschreiben.
Haben Sie besondere Bezugspunkte?
Natürlich habe ich Bezugspunkte und Denkmuster, die aus den verschiedensten Bereichen kommen. Darunter sind zum Beispiel Bruno Munari wegen seinem Design-Konzept, das die formale Ebene sprengt, Carlo Scarpa wegen seiner schlichten Ästhetik und seiner manischen Perfektion für jedes Detail, Naoto Fukasawa wegen seiner Fähigkeit, Materie aufzulösen, Giorgio Morandi für seine Hingabe und Gelassenheit und Pier Paolo Pasolini wegen seiner akuten Kritik und seiner scharfen Beobachtung…
Wie ist das Projekt Calcarea entstanden?
Calcarea hat sich aus einem Wettbewerb entwickelt, an dem ich teilgenommen habe, Scenari di Innovazione, für den man neue Produkte für kleine Firmen auf dem Gebiet der Toskana entwickeln sollte, mit denen diese wettbewerbsfähiger würden. Nachdem ich eine Firma der Marmorbranche, die Partner des Wettbewerbs war, besucht hatte, beschloss ich, mit dem Ausschussmaterial Marmettola (Marmormehl) zu arbeiten. Dieses Ausschussprodukt aus der Herstellung von Marmor-, Granit- oder Steinplatten fällt als Schlamm an und wird, wenn es getrocknet wird, zu einem weißen Mehl. Seine Entsorgung ist sehr kostenintensiv und seine Aufbewahrung nimmt den Firmen außerdem Lagerraum weg, so dass die Sägewerke manchmal sogar ihre Arbeit unterbrechen müssen. Aus diesem Grund wird das Material manchmal einfach in die Umwelt geschüttet, wo es verheerende Veränderungen des Ökosystems verursacht. Es gibt einige Anwendungen zur Wiederverwendung von Marmettola, die aber nicht ausreichen, um die großen Mengen, die jährlich anfallen, zu verarbeiten. Auf der Suche nach einer Alternative, um dieses Problem anzugehen, habe ich beschlossen, einen Beitrag zu leisten und habe mich auf das Gebiet Apuanisch-Versilia konzentriert, das weltweit ein Knotenpunkt der Steinverarbeitung darstellt.
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Ich schlug ein innovatives System vor, bei dem die Rolle eines Stakeholders eingeführt wurde, eine Person, die den Schlamm und das Mehl aus den verschiedenen Produktionsstätten einsammelt, um sie gesäubert und verarbeitet weiterzuvertreiben und damit neue Chancen auf dem Arbeitsmarkt und im Wettbewerb schafft. In der Hoffnung auf eine Synergie mit der Keramikindustrie wurden empirische Proben für die Entwicklung eines experimentellen Materials durchgeführt, das ähnlich Eigenschaften wie die eines gewöhnlichen Keramikteigs hat. Der Teig aus Ausschuss und Ton, der gemäß der geltenden Richtlinien zertifiziert ist, richtet sich an KMU für Produktionsprozesse wie Formpressen, Pressen, Guss und Extrusion, wie auch an kleine Handwerksbetriebe für die Modellierung von Hand, dem Drehen auf der Töpferscheibe, dem Guss und dem Formpressen.
Die Aufwertung von Marmettola, die zu einem Rohstoff wird folgt den Grundsätzen des systemischen Design, nach dem die Auswirkungen von Produktionstätigkeiten auf die Umwelt dadurch vermindert wird, indem das Output eines Systems zum Input für einen neuen Kreislauf wird. Die Verwendung von Ausschussmaterial muss von dem Willen getragen werden, so viel wie möglich aus jedem Stoff zu holen, wodurch der Ausschuss minimiert wird und folglich auch die Auswirkungen auf die Umwelt.
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Ich habe mich auf Materialtests konzentriert, um eingehende Prüfungen am Ausgangsmaterial vorzunehmen. Ein Tonteig, dem Steinmehl beigemischt wird, wird stabil und widerstandsfähig. Aus dem Marmormehl ein verwendbares Material zu machen, war eine große Herausforderung, zudem ohne jede technische Unterstützung: Das Steinmehl setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen, Marmor, Granit, Pietra Serena… – sein Verhalten war nicht vorhersehbar. Wichtig ist, dass das Mehl gesiebt ist, um alle Unreinheiten zu entfernen, die beim Brennen Probleme verursachen könnten. Zunächst habe ich die Experimente alleine durchgeführt und nahm mit der Hilfe von zwei Werkstätten in Mailand und Verona Versuchsreihen vor. Wir haben sowohl mit der industriellen, als auch mit der handwerklichen Methode Gegenstände hergestellt, bei denen wir das Material gegossen und auf der Töpferscheibe geformt haben und haben in beiden Fällen optimale Ergebnisse erhalten.
Eine Werkstatt in der Toskana hat mich dann bei meinem nächsten Schritt begleitet: Bevor ich mit der Herstellung von Prototypen fortfahren konnte, wurden verschiedene Mischungen getestet, wobei Marmottola-Mehle aus verschiedenen Jahren und verschiedene Tonarten verwendet wurden, die in unterschiedlichen Verhältnissen miteinander gemischt wurden. Auf diese Art haben wir das beste Gemisch ermittelt und haben begonnen, uns auf die Form zu konzentrieren. Wir entschieden uns für Einrichtungsgegenstände für den privaten Wohnbereich.
Der Name des Projekts ergab sich aus der Hauptkomponente Calcium, Ca, primäres chemisches Element in der Struktur von Marmor. Nachdem der Ausschuss von Marmorverarbeitung die Hauptkomponente von Calcarea ist, lehnen sich die Formen, die ich für die Kollektion entworfen habe, an die eindrucksvollen Bauten der klassischen Antike an, an die essenziellen und kraftvollen Elemente der Marmorbrüche und an die klaren Linien der zeitgenössischen Architektur. Die Rillen erinnern an die Furchen der Marmorblöcke die bei dem Fördern im Steinbruch entstehen. Ich fand es interessant, mit den Oberflächen zu spielen, um visuell die Eigenschaften dieses Materials zu erklären. Die Objekte haben zweierlei Oberflächengestaltung: Eine ist mit einer Glasur überzogen und erzählt den gesamten Produktionsprozess von Keramik, während die andere unbehandelt bleibt und das Verbundmaterial in seinen Eigenschaften und seiner Haptik unterstreicht. Jedes Stück der Kollektion ist anders, da das verwendete Ausschussmaterial in der Mischung beliebig zusammengewürfelt ist. Deswegen ändert sich die Farbe auf überraschende Art und gibt dem Objekt eine warme Tönung mit weißen Akzenten. Dieses typische Aussehen wurde bereits bei den ersten Experimenten mit dem Material deutlich, deswegen habe ich entschieden, dass dies eine zusätzliche Besonderheit des Materials sein würde, die in seiner ganzen Natürlichkeit zu sehen sein sollte.
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Haben Sie zum ersten Mal mit einem Naturmaterial wie Marmor (auch wenn in Pulverform) gearbeitet?
Mit Marmor und besonders mit Ausschuss dieses noblen und Jahrtausende währende Material habe ich in diesem Projekt zum ersten Mal gearbeitet. Aber es war nicht das erste Mal, dass ich Naturmaterial verwendet habe. Früher habe ich Keramikobjekte entwickelt und bei einem anderen konzeptuellen Projekt habe ich mit braunem Zucker gearbeitet.
Gibt es für Sie als Designer ein Material, zu dem Sie ein bevorzugtes Verhältnis haben, und wenn ja, warum?
Es gibt kein Material, das ich anderen vorziehe, jedes Material hat seinen Reiz und seine Besonderheit. Ich denke es ist die Möglichkeit der Verarbeitung aller Rohstoffe, die mehr oder weniger den Gebrauch bestimmt: Die Arbeit mit Holz oder Keramik ist unmittelbar, die notwendige Ausstattung ist leicht zu bekommen und die Bearbeitung relativ einfach. Dagegen stellen sich bei Stein, Metall oder Glas ganz andere Schwierigkeiten, die diese Materialien weniger zugänglich machen.


Welche Projekte haben sie für die Zukunft? Haben Sie besondere Interessen oder Themen, die Sie entwickeln möchten?
In den kommenden Monaten werden wir mit Marginal die Cultural Stratigraphy voranbringen, ein in Frankreich entwickeltes Projekt, das sich mit dem Studium des städtischen Bodens befasst und vom Kulturzentrum La Panacée und von Etac gefördert wird. Bei dieser Arbeit untersuchen wir den Begriff des Terroirs in Bezug auf den Kulturtourismus anhand einer Analogie zwischen dem vielschichtigen sozialen Aufbau von Montpellier und der Zusammensetzung seines Bodens. Der Boden wird dabei zu Materie und Element, was als Ansatz für eine anthropologische Analyse für eine Gegenüberstellung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung des Stadt- und auch des ländlichen Gebiets dient. Mit dieser neuen Forschungsreihe können wir einen Bereich voller Untersuchungsmöglichkeiten entdecken, anhand derer wir erzählende Objekte umsetzen, die uns die Bedeutung dessen kommunizieren, was sich unter unseren Füßen befindet, um bei künftigen Planungen miteinbezogen zu werden. Ein Beispiel ist das Objekt “Soil Breath” aus Keramik, das die Atmung des Bodens verkörpert, die über einen chemischen Wirkstoff zusammen mit Kohlendioxid sichtbar gemacht wird. Dabei fällt innerhalb eines Glasbehälters ein weißes Material in die Tiefe. Mit diesem Instrument kann die organische Aktivität verschiedener Bodenarten miteinander verglichen werden, um Unterschiede und Qualitäten zu ermitteln.
Francesca, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Mehr über die Arbeit von Francesca Gattello erfahren Sie hier